Unzureichende Bewertung von Fusionsreaktorabfall auf Grund beschränkter Materialauswahl und unzutreffender Verwendung von Strahlenschutzrichtlinien
Fusion Reactor Waste Assessment:
Inadequate Choice of Construction Materials and Inappropriate Use of Radiation Protection Guidelines
von
Teile der hier zum Vergleich herangezogenen Forschungsarbeiten wurden vom Autor durchgeführt im
Department of Applied Earth Sciences,
Stanford University, Stanford, California, USA
und
Los Alamos National Laboratory, Los Alamos, New Mexico, USA
Abstract
There are three equally high "mountains" that have to be crossed until fusion power plants can produce electricity:
-
containment of the plasma and a net power producing fusion reaction,
-
tritium technology,
-
economics of a fusion reactor construction and operating industry.
The Conceptual Study of Commercial Fusion Power Plants (in acamedia cache) covers the technical feasibility, safety and environmental aspects and costs of a future fusion power plant [1].
The study presents designs that touch problem areas 1 - 3. Tritium and radioactive waste problems are presented as minor. The corresponding parts of the Study appear insufficient to me. Here are 4 examples:
- The major part of the tritium inventory, the one in the chemically very instable breeding zone, is disregarded in the accident analysis. The order of magnitude of this inventory is 1 kg, corresponding to a population dose of 10 million man Sievert.
For comparison:
- 0.004 Sievert per year is the total natural background dose rate each of us is exposed to at sea level.
- The permanent relocation of people following an accident is recommended to avert a dose of 1 Sv in a lifetime.
- Many elements exposed to the neutron flux are disregarded, particularly the ones that lead to long lived radioisotopes.
- In the radioactive waste assessment
- so called "Clearance Levels" are used, i.e. limits for the release of radioactive elements into the biosphere recommended by the International Commission on Radiological Protection (ICRP). The study uses these levels to define limits for deliberate release of fusion reactor related radioisotopes into the biosphere. This -in my view- is not in accordance with the principles of the ICRP.
- the study assumes continuous distribution of the waste radioisotopes within the environment, ignoring geological/geochemical redistribution processes in the geosphere, e.g. spatial accumulation of the waste elements. Element accumulation is a common geological process.
- The types and quantities of the radiologically critical elements of fission and fusion reactor waste differ with respect to their geochemical behavior and the role they play in the biosphere. For example, the hydrogen isotope tritium is an essential part of life, plutonium is a poison. Thus, fusion reactor waste could harm other parts of life and in different ways than fission reactor waste. In my view, the EU Conceptual Study follows a traditional path that ignores this scientifically challenging and yet unsolved assessment problem.
In summary, the quality of the safety and waste assessment of the study is below the standard set by the fission reactor establishment.
Thus the study fails to demonstrate that fusion power might be an attractive future alternative.
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Zusammenfassung
Es gibt drei gleich große Hürden, die überwunden werden müssen, bis Fusionskraftwerke Strom erzeugen können:
-
Plasmaeinschluß und energieliefernde Fusionsreaktion
-
Tritiumtechnologie
-
Wirtschaftlichkeit
Die Conceptual Study of Commercial Fusion Power Plants (im acamedia Cache) befaßt sich mit der technischen Realisierbarkeit, zu erwartenden Sicherheits- und Umwelteigenschaften sowie Kosten eines künftigen Fusionskraftwerks. Sie stellt im wesentlichen konstruktive Blanket-Entwürfe vor, welche die Problemkreise 1 - 3 berühren [1].
Die Ausführungen zur
- Tritium- und
- Abfall-Problematik
erscheinen mir unzureichend bearbeitet.
(1) Tritium
- Der größte Teil des Tritiuminventars, nämlich der in der verfahrenstechnisch sehr instabilen Brutzone, bleibt bei der Abschätzung von Unfallfolgen unberücksichtigt.
(2) Radioaktiver Abfall:
- Die Berechnung der Art und Menge des radioaktiven Abfalls vernachlässigt ohne Angabe von Gründen viele der Elemente, die dem Neutronenfluß ausgesetzt sind.
- Die Bewertung des radioaktiven Abfalls
- zieht sog. "Clearance Levels" heran, d.h. von der Internationalen Strahlenschutzkommission (International Commission on Radiological Protection, ICRP) veröffentlichte Grenzwerte für die Einleitung radioaktiver Elemente in die Biosphäre. Meiner Ansicht nach widerspricht diese Anwendung der Grenzwerte auf Fusionsreaktorabfall den Grundsätzen der ICRP.
- ignoriert geologisch/geochemische Umlagerungsprozesse in der Geosphäre, z.B. eine Akkumulation der Abfallelemente.
Damit bleiben die Sicherheits- und Abfallarbeiten der Studie unterhalb des Standards, den sich das Kernspaltungsreaktor-Establishment gesetzt hat.
Die radiologisch kritischen Elemente von Kernspaltungs- und Fusionsreaktor unterscheiden sich nach Art und Menge wesentlich in Bezug auf ihr geochemisches Verhalten und der Rolle, die sie in der Biospäre spielen. Das Wasserstoffisotop Tritium beispielsweise ist ein essentieller Teil des Lebens, Plutonium ist ein Gift. Mit dem Fusionsreaktorabfall könnten wir daher andere Bereiche des Lebens und auf andere Weise schädigen als durch Spaltreaktorabfall. Dies zu untersuchen, ist ebenso Aufgabe einer Fusionsreaktorstudie wie die Prüfung ökonomischer Aspekte.
Die Studie wiederholt demgegenüber meiner Ansicht nach drei Jahrzehnte alte Klischees (wahrscheinlich im Einvernehmen mit dem Fusionsreaktor-Establishment) und wird somit dem Auftrag nicht gerecht, eine zum Kernspaltungsreaktor alternative Zukunftsperspektive aufzuzeigen.
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I. Tritium-Problematik
"Die Sicherheitsüberlegungen gelten dem radioaktiven Tritium und den energiereichen Fusionsneutronen, welche die Wände des Plasmagefäßes aktivieren. Um die Folgen aller schweren Unfälle kennen zu lernen, wurden die beiden zeitnahen Modelle A und B genauer analysiert: Als Unfallauslöser wird der schlagartige und totale Ausfall der Kühlung angenommen; anschließend bleibt das Kraftwerk ohne jede Gegenmaßnahme sich selbst überlassen. Ergebnis: Die Störung der Betriebsbedingungen bringt über Plasmainstabilitäten den Brennvorgang sofort zum Erlöschen; die Nachwärme in den Wänden reicht nicht aus, um Bauteile stark zu schwächen oder gar zu schmelzen. Das Kraftwerk enthält auch keine andere Energiequelle, die seine Sicherheitshülle zerstören könnte. Die Hülle bleibt also stets intakt.
Untersucht wurde nun, wie viel Tritium und aktiviertes Material durch den Temperaturanstieg mobilisiert und aus der Anlage entweichen könnte. Schließlich wurde - für ungünstigste Wetterbedingungen - die daraus resultierende radioaktive Belastung am Kraftwerkszaun bestimmt: Für Modell A und B kommt man auf Werte, die weit - ein bis zwei Größenordnungen - unter der Dosis liegen, ab der eine Evakuierung der Bevölkerung in der Nähe des Kraftwerks nötig wäre. Ähnliches gilt für Modell C, die Werte für Modell D liegen nochmals deutlich niedriger. Damit haben sich die aus früheren Studien bekannten attraktiven Sicherheitseigenschaften in der neuen Studie bestätigt: Katastrophale Unfälle sind in einem Fusionskraftwerk unmöglich."
(Quelle: pro-physik.de, Europäische Studie zu künftigen Fusionskraftwerken, im Cache), 3. Februar 2006)
Die Conceptual Study of Commercial Fusion Power Plants ("Studie") (im Cache) handelt die Tritiumtechnologie in einem Absatz von 15 Zeilen Länge ab.
Eine Tritiumextraktionsanlage wird technisch nicht spezifiziert.
Bei der Auswertung der Tritium-Sicherheit vermisse ich Aussagen über das unfallbedingte Schicksal des Tritiuminventars in der Brutzone, dem sog. Blanket. Es beträgt größenordnungsmäßig 1 kg entsprechend 107 Ci und einer Populationsdosis von ca. 109 rem. (Es werden hier die alten Einheiten benutzt, um den Übergang in das Vergleichspapier zu erleichtern.)
Im Blanket herrschen Temperaturen, bei denen Stahl für Wasserstoff
durchlässig ist. Ähnlich wie beim schnellen Spaltreaktor-Brüter ist die Fusionsreaktor-Brutzone verfahrenschemisch instabil bis explosiv (die Brutzone ist ein Leitungssystem gefüllt mit flüssigem Pb-17Li, das kombiniertes Kühlmittel, Brutmaterial, Neutronenvervielfacher und Tritium-Trägermaterial ist).
Würde das gesamte Tritiuminventar der Brutzone bei einem Unfall
in die Umwelt entlassen, würde es sich gleichmäßig um den
Erdball auf größenordnungsmäßig 109 Menschen verteilen, d.h. es ergäbe sich eine unfallbedinge Tritium-Strahlendosis der Größenordnung 1 rem (= 0.01 Sv).
II. Abfallproblematik
"Auch die Abfallsituation wurde erneut untersucht: Das von den Fusionsneutronen aktivierte Material verliert seine Radioaktivität in allen vier Modellen relativ schnell. In hundert Jahren sinkt sie auf ein Zehntausendstel des Anfangswerts. Für das zeitnahe Modell B zum Beispiel ist hundert Jahre nach Betriebsende knapp die Hälfte des Materials nicht mehr radioaktiv und kann für beliebige Nutzung freigegeben werden. Die andere Hälfte könnte - entsprechende Techniken vorausgesetzt - rezykliert und in neuen Kraftwerken wieder verwendet werden: Eine Endlagerung wäre dann nicht nötig. Ähnliches gilt für die anderen drei Modelle."
(Quelle: pro-physik.de, Europäische Studie zu künftigen Fusionskraftwerken, im Cache), 3. Februar 2006)
1. Rezyklierung von aktiviertem Material
Eine technische Realisierung der Rezyklierung von aktiviertem Fusionsreaktormaterial wird nicht ausgeführt (heiße Zellen und radioaktive Überwachungszonen in den Werkstätten). Ähnliches
hat man in den 50ger Jahren für den Spaltreaktorabfall diskutiert:
Verwendung der radioaktiven Isotope in Industrie, Handwerk, Medizin und
Verbrauchsgüter-Industrie. Man hat davon aber im Laufe der Zeit abgesehen, weil mit dieser Verteilung der Radioisotope eine hohe Populationsdosis verbunden gewesen wäre.
(Jeder Einzelne hätte nur wenig Strahlung erhalten, die Bevölkerung als Ganzes aber die gesamte mit den Abfall-Isotopen verbundene Strahlendosis. Solange man keine Schwelle der Geringdosis-Strahlenbelastung kennt, ist der Schaden unabhängig von seiner Verteilung.)
2. Notwendige Isolation des Abfalls
2.1 Vorgehen in der Studie
Die Studie geht bei der Bewertung des radioaktiven Abfalls folgendermaßen vor:
- Annahme 1 (Materialauswahl)
Nur die Hauptbestandteile des Reaktors werden radioaktiv. Dieser Teil der im Reaktor erzeugten Radioaktivität hat kurze Halbwertszeiten.
- Annahme 2 (Anwendbarkeit der Clearance Levels)
-
(a) Die Gefährlichkeit des durch Annahme 1 eingeschränkten Radioisotopenspektrums wird mit radiologischen Modellen der Internationalen Strahlenschutzkommission (International Commission on Radiological Protection, ICRP) bewertet, mit denen sog. "Clearance Levels" (in Cache) definiert wurden. Diese sind spezifische Aktivitäten, die in die Biospähre abgegeben werden können.
- Die auf diese Weise eingeschränkte Sicht weist den radioaktiven Fusionsreaktorabfall als nur während eines kurzen Zeitraums gefährlich aus.
- Wegen seiner Kurzlebigkeit kann man zur Bewertung des Fusionsreaktorabfalls
- auf die umfangreichen und anspruchsvollen Ausbreitungsmodelle für radioaktiven Abfall verzichten, die für Spaltreaktorabfall entwickelt wurden, und an deren Statt
- die Clearance Levels verwenden.
Implizit wird die auf diese Weise erhaltenene kurze Gefährlichkeit von Fusionsreaktorabfall als nachträgliche Legitimierung der Anwendung der Clearance Levels gewertet.
2.2 Kritik am Vorgehen der Studie
- Kritik an der Materialauswahl (Annahme 1)
Welche Elemente im Reaktor aktiviert werden, wird nicht explizit spezifiziert, aber offensichtlich wurden nur die in der Tabelle II der Studie genannten Hauptelemente berücksichtigt. Das ist nicht Stand der Technik.
Zu den in der Studie vernachlässigten Elementen gehören
Verunreinigungen wie
- die Seltenen Erden, z.B. 1 ppm Europium im Reaktormaterial hätte eine Populationsdosis der Größenordnung 104 rem (100 Sv) noch nach 100 Jahren zur Folge,
- Chlor,
- Stahllegierungsbestandteile
wie Molybdän und
- Neutronenvervielfacher wie Wismuth.
Ergebnis:
Werden diese aktiviert und wertet man sie entsprechend der in der Studie genannten Kriterien aus, müssen sie größenordnungsmäßig Millionen von Jahren von der Biosphäre abgeschlossen werden.
- Kritik an der Anwendbarkeit der Clearance Levels (Annahme 2)
- Die Clearance Levels regeln den unvermeidlichen Umgang mit Radionukliden. Die diesen Levels zugrundeliegenden Modelle der ICRP optimieren zwischen Nutzen der Kerntechnik und ihrem Schaden, und zwar ausdrücklich auf eine Weise, die eine Entwicklung der Kerntechnik ermöglichen soll. Bewußt unnötige Abgabe von Radioaktivität in die Biosphäre, z.B. in Form von Fusionsreaktorabfall, widerspricht aber den Grundsätzen der ICRP. Die Studie trifft also implizit eine Entscheidung gegen die ICRP, nämlich die, daß man ICRP-Modelle trotzdem auf diesen Fusionsreaktorabfall anwenden soll. Dies ist keine wissenschaftliche, sondern eine politische Entscheidung, und sie überschreitet den Rahmen einer wissenschaftlichen Studie.
- Die Clearance Levels gehen von mittleren Elementkonzentrationen in der Biospähre, z.B. im Boden, und mittleren Übergangskoeffizienten vom Boden in die Nahrungskette aus. Geologische Umlagerungsprozesse, welche zur Akkumulation von speziellen Elementen, also auch von aktivierten Elementen, führen, bleiben unberücksichtigt, obwohl sie sowohl in biospährennahen Böden als auch in geologischen Formationen in einer Reihe von Zeitrahmen ablaufen.
Ergebnis:
Großtechnisch erzeugter radioaktiver Abfall muß entsprechend der Philosophie der internationalen Strahlenschutzkommission von der Biosphähre isoliert gelagert werden. Ebenso wie in Spaltreaktor-Abfallstudien (Beispiel: Geotrap-Programm (im Cache)) muß die Wanderung von Fusionsreaktorabfall zurück in die Biosphäre entsprechend dem Stand der Wissenschaft berechnet und dabei zeitliche und räumliche Variationen von geologischen und geochemischen Parametern berücksichtigt werden. Der abgekürzte Weg einer Beurteilung über falsch angewandte Clearance Levels ist nach den heutigen ICRP-basierten Gesetzen nicht zulässig.
III. Ausblick
Nicht die Energiequelle (Kernfusion oder Kernspaltung) und damit der Reaktortyp sondern
- geochemische Verlagerungsvorgänge und
- anschließende Prozesse in der Biosphäre
könnten die Endlagerproblematik bestimmen. Umweltveränderlichkeiten
und (geochemische und biologische) Akkumulationsprozesse legen die Elementkonzentrationen
in der Umwelt und der Nahrung fest, beeinflussen damit auch die vom Menschen
eingenommenen Elementaufnahmeraten.
Die hier geforderte Geochemie hat aber meines Wissens noch immer gravierende Probleme mit
der Unsicherheit der relevanten Umweltparameter und Modelle. Mir scheint,
die daraus resultierenden Ungenauigkeiten in der Vorhersage der Radionuklidwanderung könnten durchaus die reaktorspezifischen
Unterschiede in der Zusammensetzung und Menge des radioaktiven Abfalls maskieren. Ein Beispiel wäre wieder die bereits erwähnte Akkumulation: Infolge einer bisher noch unbekannten und daher nicht kontrollierbaren Veränderung der geochemischen Verhältnisse kann sich eine sog. sekundäre Lagerstätte in der Biospären bilden. Diese wäre eine radiologische Gefahr für eine eng begrenzte Population, ohne daß zum Zeitpunkt der Abgabe des Abfalls die Clearance Levels überschritten worden wären.
Ein anschauliches Beispiel im Bereich des konventionellen, nichtradioaktiven Abfalls ist die beobachtete Beladung von Elbsedimenten mit Schwermetallen ("Bildung einer sekundären Lagerstätte"), die in der Vergangenheit in geringen Konzentrationen an das Flußwasser abgegeben wurden. Eine anschließende Erhöhung der Konzentration von Komplexbildnern (z.B. aus Waschmitteln) in der Elbe kann die Schwermetallinventare wieder aus den Sedimenten herauslösen. Deshalb wird die Komplexkonzentration in deutschen Flüssen beobachtet.
(Details zu den Grenzen unserer geologisch/geochemischen Kenntnisse in der Tabelle
von Abschnitt B und im Summary von Abschnitt
C in Models of Contaminant Migration: The
Role of Chromatographic Models)
IV. Literatur
-
D. Maisonnier et al., A Conceptual Study of Commercial Fusion Power Plants, Final Report of the European Fusion Power Plant Conceptual Study (PPCS), European Fusion Development Agreement, EFDA-RP-RE-5.0, April 13, 2005. In acamedia chache
A N H A N G zu II
Beispiele für notwendige Langzeitisolierung
Drei Beispiele mögen veranschaulichen, wie lange eine realistischere Auswahl von Fusionsreaktor-Materialien
im Abfallendlager eingeschlossen bleiben muß (mehr in Abb. 5a
und 5b eines Vergleichspapiers). Das verwendete Radionuklid-Bewertungsverfahren
basiert auf dem "Specific Activity Concept":
- Die spezifische Aktivitäten der Abfallelemente (Einheit: Ci oder Sv pro g eines Elements) bestimmen, wieviel Aktivität mit dem jährlichen Trinkwasser bestimmter Element-Zusammensetzung von uns aufgenommen wird.
- Legt man Maxima der Aktivitätsaufnahme fest, werden dadurch umgekehrt Element-Konzentrationsmaxima cp im Wasser festgelegt.
- Diese cp werden mit den Konzentrationen ce in natürlichen Grundwassern verglichen: Wenn die Element-Konzentrationsmaxima cp über den natürlichen Konzentrationsbereichen ce liegen, wird weniger als in den Aktivitätsaufnahme-Maxima festgelegt von uns aufgenommen.
Das "Clearance Level Concept" und das "Specific Activity Concept" verwenden beide als Maßeinheit die spezifische Aktivität. Im Unterschied zum Clearance Level Concept vermeidet das Specific Activity Concept
- die Annahme mittlerer Element-Konzentrationen in der Geosphäre und mittlerer Übergangskoeffizienten aus dem Boden in die Nahrungkette. An ihre Stelle treten empirische Elementkonzentrationen in einem Glied der Nahrungskette, dem Grund- und Oberflächenwasser.
- Auch eine maximal zulässige Aktivitätsaufnahme wird nicht festgelegt. Es wird vielmehr in der graphischen Darstellung sichtbar, wie sich eine Veränderung einer zulässigen Aktivitätsaufnahme auf die notwendige Isolationsdauer auswirkt: will man die zulässige Aktivitätsaufnahme um eine Größenordnung verringern, so muß man cp um eine Zehnerpotenz nach unten verschieben.
(1) Chlor ist ein Beispiel für eine Verunreinigung,
aus der im Fusionsreaktor ein langlebiges Folgeprodukt (Cl36) entsteht.
Im Fusionsreaktor aktiviertes Chlor muß etwa 1 Millionen Jahre von
der Geosphäre isoliert werden:
Die Aktivierungsreaktion ist
Cl35 (n, g) Cl36, Halbwertszeit
von Cl36 ist T = 3.0 105 Jahre.
Damit es wie natürliches Chlor mit dem Trinkwasser
aufgenommen werden kann, darf es zum Zeitpunkt der Reaktorstillegung -wegen
seines Cl36-Gehalts- nur in einer Konzentraton von weniger als cp
= 8 10-5 g Cl pro L Wasser vorliegen. Natürliche Konzentrationen
von Chlor liegen bei 10-3 ... 1 g/L. Fusionsreaktor-Chlor muß
also mindestens für 3.6 T = 106 Jahre von der Biosphäre
isoliert werden, bis es (in diesem Konzentrationsbereich) im Trinkwasser
vorliegen darf.
(2) Molybdän ist ein Stahl-Legierungsbestandteil.
Aus ihm entsteht Technetium (Tc). Im Fusionsreaktor entstandenes Technetium
muß möglicherweise eine Millionen Jahre von der Geosphäre
isoliert werden:
Seine Aktivierungsreaktion im Fusionsreaktor
ist
Mo100 (n, 2n) Tc99, Halbwertszeit von Tc99 ist T = 2.1
105 Jahre.
Technetium darf wegen seiner Radioaktivität höchstens
in einer Konzentration cp = 2 10-5 g Tc pro L Trinkwasser
vorhanden sein (Anmerkung 6 in Tabelle 3
des Vergleichspapiers).
Weil Technetium kein natürliches Element ist, ist
sein durch die natürliche Geochemie gegebener Konzentrationsbereich
im Trinkwasser unbekannt. Natürliche Konzentrationen des chemisch
ähnlichen Mangan (Mn) liegen 10-3 g/L. Würde Technetium
in ähnlichen Konzentrationen im Trinkwasser auftreten, müßte
Fusionsreaktor-Technetium 5.6 T = 1 106 Jahre von der Geosphäre
abgeschlossen bleiben.
(3) Ein Fusionsreaktor ist immer ein Brüter
(für Tritium). Damit die Neutronenbilanz ausreichend fürs Brüten
ist, braucht man Neutronenvervielfacher. Wismuth (Bi) ist ein Kandidat,
hat aber auch ein langlebiges Aktivierungsprodukt. Im Fusionsreaktor aktiviertes
Wismuth muß 2 Millionen Jahre von der Geosphäre isoliert werden:
Seine Aktivierungsreaktion im Fusionsreaktor
ist
Bi209 (n, 2n) Bi208, Halbwertszeit von Bi208 ist T = 3.7
105 Jahre, cp = 9 10^-5 g/L Wasser. Wenn natürliche
Wismuthkonzentrationen im Wasser bei 10-6 g/L liegen, muß
Fusionsreaktor-Wismuth 6.5 T = 2 106 Jahre von der Geosphäre
isoliert bleiben.
Version: 6. November 2009
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